Spiegelung des Nordens

Werke von Helgi Thorgils Fridjónsson, Tuomo Manninen and Kain Tapper

Die Kunst des Geschichtenerzählens genießt in Nordeuropa hohes Ansehen. Perspektive, Stimme, Bewusstsein und Fokus der Künstler entfalten sich unter subarktischen Bedingungen in besonderer Weise. Die Unvorhersehbarkeit und die extremen Lebensbedingungen, die hier herrschen, haben viele Künstler zu Werken von großer Eindringlichkeit inspiriert.

Es gibt Bilder, in denen ganze Geschichten aufscheinen. Sie fassen zusammen, was den Erzähler bewegt: „Ihre Blicke trafen sich, er auf dem Pferd auf dem Weg nach Norden, sie im Zug unterwegs nach Süden.“ Welches Bild wird durch diese Geschichte hervorgerufen? Die Darstellungen können unterschiedlich sein. Dennoch sind sie alle wahr, wenn sie nur der individuellen Vorstellung entsprechen.

Die Geschichte eines Augenblicks stammt von Helgi Thorgils Fridjónsson, dem Maler des Titelbildes der Ausstellung. Kain Tappers Blick auf die „Pfoten“ ist darauf zurückzuführen, dass er sich vollständig in die Perspektive eines Tieres zu versetzen vermag. Tuomo Manninen schließlich gelingt es mit seinen Fähigkeiten als Regisseur, Inszenierungen zu schaffen, die das Geheimnis des inneren Zusammenhalts einer Gruppe auf den Punkt bringen.

Artothek und Galerie wieder geöffnet

Graffiti Streetart Portugal

„Kunst gehört zur Grundversorgung“ behauptet Marcus Woeller, freier Mitarbeiter im Feuilleton der Zeitung „Die Welt“, und erntet in einer Reihe von Retweets Widerspruch, der vom lapidaren „Äh. NEIN!“ über den Einwand „Sport auch!“ bis zur apodiktisch vorgetragenen Forderung „Nur die Bratwurst gehört zur Grundversorgung“ reicht.

Wie dem auch sei, die Versorgung mit Kunst ist uns ein Anliegen, das wir mit den Lockerungen der Corona-Maßnahmen wieder anbieten können. Denn ab dem 4. Mai dürfen Museen und Ausstellungen wieder öffnen. Die Besucherzahl ist auf eine Person pro 15 Quadratmeter begehbarer Ausstellungfläche begrenzt. Gerechnet auf die Größe unserer Räume in Galerie und Artothek sind das maximal 5 Personen.

Auf Führungen von Gruppen und auf Ausstellungseröffnungen müssen wir leider weiterhin verzichten. Dafür bieten wir aber individuell geführte Besuche, die gerne auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten (Mo-Fr 15-18 h) telefonisch (04351 712500), per E-Mail (cult@nordcult.de) oder über das Formular auf unserer Homepage (https://nordcult.de) vereinbart werden können.

Die Ausstellung „vielhändig“ mit Monotypien von René J Goffin und Michael Jäger, die in den vergangenen Wochen geschlossen war, geht weiter bis Anfang Juni.

Darüber hinaus werden alle Leihvorgänge in der Artothek ohne Gebühren um 12 Monate verlängert. Wer einen Tausch bevorzugt, sollte auch hier einen Termin vereinbaren, damit vorher die notwendigen Vorkehrungen für Abstand und Hygiene getroffen werden können.

Kunstwerke erschließen sich nur in der Auseinandersetzung mit Originalen.

vielhändig

Zwei Malerfreunde, René J Goffin (Kiel) und  Michael Jäger (Köln), haben im letzten Sommer in einer einwöchigen Arbeitsphase in der Druckerei von Norbert Weber an Monotypien  gearbeitet. Die Werkstatt wurde zum Labor, in dem die enge Zusammenarbeit von drei an dem „Experiment Monotypie“ an ein und demselben Werk Mitwirkenden zu unerwarteten Ergebnissen führte.

Das Verfahren, auf einem Malgrund zu arbeiten, auf dem die Farbe nicht haftet, um die Malerei anschließend auf Papier zu drucken, wirft Fragen auf. Warum malt der Künstler nicht direkt auf ein aufnahmefähiges Trägermaterial? Welchen Sinn macht das Drucken, wenn nur ein Abzug gemacht werden kann? Ist es nicht Zweck des Druckens, Vorlagen zu vervielfältigen?

Die beste Auskunft geben die Arbeiten selbst. Die Wirkung der Monotypien ist intensiv, ihre Ästhetik unvergleichlich.

Amanda Ziemele: Neunauge

Amanda Ziemele (1990) lebt und arbeitet in Riga. Sie betrachtet ihre künstlerische Praxis als ein offenes Feld. Im Mittelpunkt ihres Interesses steht die formale Qualität der Malerei. Sie ist die Quelle für weitergehende Vorstellungen und Assoziationen.

Die Künstlerin hat im Jahr 2018 das Diplomstudium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden in der Klasse interdisziplinäre und experimentelle Malerei bei Chistian Sery abgeschlossen. Ihr Diplomprojekt Gaining Ground hat vom Freundeskreis der HfBK den Diplompreis 2018 erhalten.

Anschließend wurde sie für den Startpoint Prize 2018 nominiert. Der Preis, der sich an Absolventen von Kunsthochschulen richtet, hat sich in den sechzehn Jahren seines Bestehens von einer nationalen Ausstellung von Diplomarbeiten zu einem prestigeträchtigen internationalen Projekt entwickelt, bei dem jährlich die herausragendsten Talente aufstrebender Künstlergenerationen aus verschiedenen europäischen Ländern vorgestellt werden.

In der Ausstellung mit dem Titel Neunauge befasst sich Amanda Ziemele erstmals mit dem Verfahren der Monotypie.

Videokunst aus Lettland

Am 23. November 2019  bietet die Galerie NEMO zwischen 18 und 20 Uhr im Rahmen der städtischen Veranstaltungsreihe der „4 Langen Nächte“ ein Video-Screening mit einer Auswahl von Produktionen aus Lettland.

Die Medienkunst aus dem baltischen Staat verdankt ihre internationale Wertschätzung der ausgezeichneten Ausbildung an der Abteilung für visuelle Kommunikation der Kunstakademie in Riga. Die Zusammenstellung reicht von Zeichentrickfilmen über Experimentalstreifen bis zu poetischen Videoloops.

Unter dem Motto „Banküberfall und andere Dramen“ werden u. a. Videos von Nils Jakrins, Katrīna Neiburga, Dace Džeriņa, Ģirts Korps und Evelīna Deičmane gezeigt.

Mica Cabildo: Monotypien

Mica Cabildo, geboren 1986 in Metro Manila/Philippinen arbeitet mit Installationen, Fotografie, Video und grafischen Arbeiten. Während ihres Arbeitsaufenthalts im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus schuf sie in Zusammenarbeit mit dem Drucker Norbert Weber eine Serie von Monotypien.

Diese wurden Teil der Präsentation zum Abschluss ihres Stipendiums, einer raumgreifenden Arbeit mit dem Titel „Tropical Gothic: Doublegoer“. Die Installation reflektiert Themen wie steigende Meeresspiegel, Sturmfluten, Doppelgänger und Spiegelungen.

Die Monotypie mit dem Titel „Pag-Hampas Ng Alon“ („Große Sturzwelle“) ging in die Sammlung des Artothekenverbands Schleswig-Holstein.

Carsten Höller „Vertigo“

Eingeklemmt zwischen Boden und Decke steht eine eiserne Säule, von der in Augenhöhe zwei Arme horizontal etwa einen Meter kreuzförmig nach außen weisen. An den Enden hängen zwei im traditionellen Lehmformverfahren gegossene Glocken. In der „Basis“ befindet sich ein elektrischer Antrieb, der über ein Steuermodul die Säule in eine Drehung um die eigene Achse versetzt. Bei Beginn der Rotation werden die beiden Glocken zum Klingen gebracht, wenn die Klöppel eine senkrechte Stange passieren. Mit zunehmender Geschwindigkeit werden die Glocken durch die Zentrifugalkraft angehoben, so dass die Klöppel nicht mehr anschlagen. Erst beim Abbremsen kommt es wieder zum Anschlagen der Klöppel.

Carsten Höllers Konstruktion von 1997 zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Postulat von der Autonomie des Kunstobjekts hinterfragt und es in seiner Abhängigkeit von den Menschen vorstellt, die sich mit ihm beschäftigen. Die ästhetische Erscheinung ist nicht eigenständig und dauerhaft festgeschrieben; sie ist variabel und den durch die Partizipation der Besucher ausgelösten Interdependenzen unterworfen. Nicolas Bourriaud hat die Bedeutung dieser relationalen Ästhetik untersucht. „Form existiert nur in der Begegnung und in der dynamischen Beziehung“.

Jānis Dzirnieks: „Sharp Horizon“

„Die Wandarbeiten der Serie ‚Adapters‘ sind geprägt von meiner Zeit in der Stadt mit Renderqualität – Rotterdam. Hier werden visuell synthetische Qualitäten über alles andere gestellt, was oft zu geschmacklosen Erfahrungen führt, wie bei schön geformten Erdbeeren, die in den Hals rutschen und nur einen sauren Geschmack hinterlassen. Diese visuellen Darstellungen vermischten sich mit meinen eigenen Naturerfahrungen und ließen lichtemittierende Bären entstehen. Diese Bären kommen aus meiner Kindheitserinnerung an jene schlafvorbereitenden Verbündeten, die jeden Abend in eine Steckdose in meinem Zimmer gesteckt wurden. Ich versuchte, aus der Erinnerung zu rekonstruieren, wie so ein Objekt gemacht war; es war rund und hatte ein Bild darauf, das Bären beim Ballspielen oder etwas anderes in einer Landschaft darstellt. Wie viele waren es? War es Tag oder Nacht? Mit welcher Art von Ball haben sie gespielt? War es auf einer Wiese oder im Wald? Ich konnte und kann mich nicht erinnern“. (Jānis Dzirnieks)

Jānis Dzirnieks (1992 geb. in Riga) ist der bislang jüngste Künstler in der Serie von Ausstelllungen mit Kunst aus Lettland. 2013-2017 besuchte er die Kunstakademie Lettlands. Ein Erasmus-Stipendium führte ihn 2015-2016 an die Berliner Akademie der Künste. 2017-2019 absolvierte er ein Master-Studium am Piet Zwart Institute in Rotterdam. Er ist Mitglied des Künstlerkollektivs 3/8.

Die Ausstellung wird am Samstag, dem 13. April um 17 Uhr eröffnet und dauert bis zum zum 10. Mai 2019.

Famous Five „Der Gärtner“

Die 2. Ausstellung der Lettland-Reihe zeigt die Installlation „Der Gärtner / Dārznieks“ von der Gruppe „Famous Five“

Die Gruppe „Famous Five“ oder „F5“ wurde 1998 während des Medienkunstsymposiums „Polar Circuit“ in Tornio, Finnland gegründet. „F5“ gehören fünf Mitgliedern an, die in unterschiedlichen Besetzungen an verschiedenen Projekten arbeiten.

Im Jahr 2002 nahm „F5“ an der 25. Biennale von São Paulo mit der Arbeit „Have a Nice Night“ teil und vertrat 2005 die Republik Lettland auf der 51. Internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst in Venedig mit der Ausstellung „Dark Bulb“.

Die Installation „Der Gärtner“ entstand in der Zusammenarbeit von Līga Marcinkeviča, Ieva Rubeze und Mārtiņš Ratniks und wurde erstmals im Zentrum für Zeitgenössische Kunst „KIM?“ in Riga gezeigt.

Līga Marcinkeviča, Ieva Rubeze und Mārtiņš Ratniks kommen zur Eröffnung. Norbert Weber gibt eine Einführung.

Die Ausstellung läuft bis zum 29. März. Sie ist Mo-Fr von 15-18 Uhr oder nach tel. Vereinbarung geöffnet

Long Pickled Cucumbers

„Long Pickled Cucumbers“ ist eine Zweikanal, HD Video-Projektion von Katrina Neiburga. Sie hatte in diesem Jahr Premiere auf der Internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst „RIBOCA“ in Riga.

Eine Frau (die Künstlerin), ein Mann und ein Kind bewegen sich in der Abgeschiedenheit einer Wildnis, in einem Sumpfland mit schwankendem Boden. In dieser Natur erwecken die Rituale moderner Zeitgenossen den Anschein von absurden Versuchen, in der Einöde zu überleben. Es kommt eine Stimmung auf, die das Geschehen zwischen Vorzeit und Postapokalypse erscheinen lässt. Die elektronischen Klänge von Richie Hawtin aka Plastikman begleiten das Video wie ein Grundrauschen des modernen Lebens.

Katrina Neiburga hat nach dem Masterabschluss an der Staatl. Kunstakademie Lettlands die Kgl. Hochschule der bildenden Künste in Stockholm besucht. Sie hat an den Biennalen in Sidney und Moskau teilgenommen. 2009 erhielt sie den erstmals vergebenen Purvitis-Preis, den angesehensten Kunstpreis Lettlands, für ihr Video „Solitude“. 2015 hat sie Lettland auf der Biennale Venedig vertreten. Sie hat zahlreiche Szenografien für Ballett und Theater geschaffen, u. a. für die Nationaloper Lettlands und das Théâtre de la Bastille in Paris.